EuGH zu den Grenzen des Überwachungszwangs für Hosting-Provider

30.04.2012

Auf ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV hat sich der EuGH mit der Rechts­fra­ge be­fasst, ob dem Be­trei­ber ei­nes In­ter­net­por­tals für ein so­zia­les Netz­werk, in­ner­halb des­sen Per­so­nen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, auf die­se Wei­se (vir­tu­el­le) Freund­schaf­ten schlie­ßen und die Nut­zer auf ih­rem sog. "Pro­fil" u.a. auch mu­si­ka­li­sche und au­dio­vi­su­el­le In­hal­te ein­stel­len kön­nen, zu­mut­bar ist, die von den Nut­zern ein­ge­stell­ten In­hal­te mit­tels tech­ni­scher Vor­keh­run­gen (Fil­tersys­te­me) auf Ur­the­ber­rechts­ver­let­zun­gen vor­beu­gend zu un­ter­su­chen re­spektive zu blo­ckie­ren.
 
Dem lag fol­gen­der Sach­ver­halt zu­grun­de:
 
Die Bel­gi­sche Ve­re­ni­gung van Au­teurs, Com­po­nis­ten en Uit­ge­vers CBBA (frz. SA­BAM) ist ei­ne Verwertung­s­ge­sell­schaft, die Au­to­ren, Kom­po­nis­ten und Ver­le­ger mu­si­ka­li­scher Wer­ke ver­tritt und in die­ser Funk­ti­on u.a. auch für die Ge­neh­mi­gung der Ver­wen­dung ih­rer ge­schütz­ten Wer­ke durch Drit­te zu­stän­dig ist. Von SA­BAM wur­de ge­gen den Be­trei­ber ei­ner in­ter­net­ba­sier­ten Netz­werk-Platt­form (Fir­ma Net­log NV) Kla­ge auf (u.a.) Un­ter­las­sung je­der un­zu­läs­si­gen Zur­ver­fü­gungs­tel­lung mu­si­ka­li­scher oder au­dio­vi­su­el­ler Wer­ke aus dem Re­per­toi­re von SA­BAM auf der Netz­werk-Platt­form er­ho­ben. Der be­klag­te Por­tal­be­trei­ber be­rief sich zu sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung da­rauf, dass der Er­lass der von der Klä­ge­rin be­an­trag­ten Un­ter­las­sungs­a­nord­nung da­zu füh­ren wür­de, dass ihm (dem Be­klag­ten) ei­ne all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht auf­er­legt wür­de, was nach der Eu­ro­päi­schen Richt­li­nie über den elekt­ro­ni­schen Rechts­ver­kehr (Richt­li­nie 2000/31 EG) und der Eu­ro­päi­schen Da­ten­schutz­richt­li­nie für elekt­ro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on (Richt­li­nie 2003/58 EG) ver­bo­ten sei. - Das mit der Rechts­sa­che be­fass­te Brüs­se­ler Ge­richt (Recht­bank van eers­te aan­leg te Brüs­sel) hat da­rauf­hin im We­ge ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen dem EuGH die Fra­ge vor­ge­legt, ob das Un­ions­recht ei­ner An­ord­nung ei­nes na­tio­na­len Ge­richts an ei­nen Hos­ting-An­bie­ter in Ge­stalt des Be­trei­bers ei­nes so­zia­len Netz­werk im In­ter­net ent­ge­gen­steht, ein Sys­tem der Fil­te­rung der von den Nut­zern sei­ner Diens­te auf sei­nen Ser­vern ge­spei­cher­ten In­for­ma­tio­nen, das un­ter­schieds­los auf al­le die­se Nut­zer an­wend­bar ist, prä­ven­tiv und al­lein auf ei­ge­ne Kos­ten so­wie zeit­lich un­be­grenzt ein­zu­rich­ten. 
 
Der EuGH hat da­zu mit Ur­teil vom 16.02.2012 ent­schie­den: Der Betreiber eines so­zia­len Netzwerks im Internet kann nicht gezwungen werden, ein generelles, alle Nutzer die­ses Netzwerks erfassendes Filtersystem einzurichten, um die unzulässige Nutzung musikalischer und audiovisueller Werke zu ver­hin­dern, un­be­grenzt ein­zu­rich­ten. 
 
Sei­ne Ent­schei­dung hat der EuGH im We­sent­li­chen da­mit be­grün­det, dass ei­ne der­art weit­ge­hen­de ge­ne­rel­le Über­wa­chungs­pflicht zu ei­ner qua­li­fi­zier­ten Be­ein­träch­ti­gung der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit des Netz­werk-Platt­form­be­trei­bers füh­ren wür­de, da die­ser ge­hal­ten wä­re, ein kom­pli­zier­tes, kost­spie­li­ges, auf Dau­er an­ge­leg­tes und al­lein auf sei­ne Kos­ten be­trie­be­nes Fil­ter­sys­tem ein­zu­rich­ten. Da­mit wür­de das Er­for­der­nis der Ge­währ­leis­tung ei­nes an­ge­mes­se­nen Gleich­ge­wichts zwi­schen dem Schutz des Rechts am geis­ti­gen Ei­gen­tum und dem Schutz der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit, der Wirt­schafts­teil­neh­mern wie den Hos­ting-An­bie­tern zu­kommt, miss­ach­tet wer­den.
Au­ßer­dem, so der EuGH, wür­de ein sol­ches Fil­ter­sys­tem auch Grund­rech­te der Nut­zer der Diens­te des Platt­form­be­trei­bers be­ein­träch­ti­gen kön­ne, und zwar de­ren Rech­te auf den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten und auf frei­en Emp­fang oder freie Sen­dung von In­for­ma­tio­nen res­pek­ti­ve das Recht auf In­for­ma­ti­ons­frei­heit, da die Ge­fahr be­stün­de, dass das Fil­ter­sys­tem nicht hin­rei­chend zwi­schen un­zu­läs­si­gen und zu­läs­si­gen In­hal­ten un­ter­schei­den kann, so dass sein Ein­satz auch zur Sper­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­on mit zu­läs­si­gen In­hal­ten füh­ren könn­te.
 
Ur­teil des EuGH vom 16.02.2012 C-360/10
 
An­mer­kung von RA C.Gal­ins­ky:
Die Ent­schei­dungs­grün­de die­ses EuGH-Ur­teils de­cken sich im Kern mit dem Ur­teil des EuGH vom 24.11.2011 in der Rechts­sa­che C-70/10 Scar­let Ex­ten­ded SA ./. SA­BAM), was al­ler­dings ver­blüfft, da die­se Ent­schei­dung ei­ne Sperr­ver­fü­gung ge­gen ei­nen Access-Pro­vi­der be­traf, wäh­rend in dem hier in Re­de ste­hen­den Rechts­streit SA­BAM ./. Netlog NV ein Host-Pro­vi­der zum Ein­satz von Fil­ter­sys­te­men an­ge­hal­ten wer­den soll­te. Die Ge­schäfts­mo­del­le von Ac­cess- und Host-Pro­vi­dern un­ter­schei­den sich je­doch ganz we­sent­lich: Ein Access-Pro­vi­der un­ter­hält kei­ne Ser­ver, son­dern ver­mit­telt den Zu­gang zu ei­nem Da­ten­netz. Dem­ge­ge­nü­ber spei­chert ein Host-Pro­vi­der frem­de Da­ten auf Web-Ser­vern, die Fes­plat­ten ent­hal­ten und hat so­nach (an­ders als ein­ Ac­cess-Pro­vi­der) kon­trol­lierten und überwach­ba­ren Zu­griff auf frem­den Da­te­nin­halt ("con­tent").
 
Ob mit dem Ur­teil vom 16.02.2012 Ge­schäfts­mo­del­len von Hos­t-Pro­vi­dern für nut­zer­ge­ne­rier­te In­hal­te (user ge­ne­ra­ted con­tent) ein "Mehr" an Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung ver­schafft wird, ist frag­lich:
 
1. Der EuGH ver­tritt zwar im Er­geb­nis ei­ne "pro­vi­der­freund­li­che" Rechts­auf­fas­sung, in­dem er im Rah­men der Ab­wä­gung zwi­schen den In­te­res­sen der In­ha­ber von Rech­ten geis­ti­gen Ei­gen­tums und de­n un­ter­neh­me­ri­schen In­te­res­sen von Host-Pro­vi­dern (ana­log zu sei­ner Ent­schei­dung vom 24.11.2011) an­führt, dass nach Art. 8 Abs. 3 der Richt­li­nie zur Har­mo­ni­sie­rung be­stimm­ter As­pek­te des Ur­he­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der In­for­ma­tions­ge­sell­schaft (sog. "In­fo­Soc"-Richt­li­nie 2001/29 EG) und ge­mäß Art. 11 Satz 3 der Richt­li­nie zur Durch­set­zung der Rech­te geis­ti­gen Ei­gen­tums (sog. "Durch­set­zungs-"Richt­li­nie 2004/48 EG) In­ha­bern von Rech­ten geis­ti­gen Ei­gen­tums grund­sätz­lich das Recht zu­steht, ei­ne ge­richt­li­che Un­ter­las­sungs- res­pek­ti­ve Sperran­ord­nung ge­gen Be­trei­ber von Platt­for­men für so­zia­le Netz­wer­ke im In­ter­net zu be­an­tra­gen, wenn de­ren Diens­te von den Nut­zern sol­cher Platt­for­men zur Ver­let­zung von Rech­ten des geis­ti­gen Ei­gen­tums ge­nutzt wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig führt er je­doch ex­pli­zit aus, dass die Mo­da­li­tä­ten
sol­cher An­ord­nun­gen zwar Ge­gen­stand des na­tio­na­len Rechts sind, aber die­se na­tio­na­len Re­gelungen die sich aus dem Unionsrecht ergebenden Be­schrän­kun­gen wie u.a. die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr (sog. "E-Com­mer­ce Richt­li­nie") be­ach­ten müs­sen, wonach nationale Stellen keine Maßnahmen erlassen dürfen, die einen Anbieter von In­ter­net­zu­gangsdiensten verpflichten würden, die von ihm in seinem Netz übermittelten Informationen allgemein zu über­wa­chen. 
 
2. Bei ge­naue­rer Durch­sicht des Ur­teils wird je­doch deut­lich, dass der EuGH kei­nes­wegs al­le Fil­ter­sys­te­me als un­zu­läs­sig und de­ren In­stal­lie­rung für Por­tal­be­trei­ber als un­zu­mut­bar ein­stuft, son­dern nur sol­che Sys­te­me, die
 
  • alle Dienste erfassen,
  • unterschiedslos auf alle Kunden angewendet werden,
  • präventiv eingesetzt werden,
  • auf Kosten der Provider eingerichtet werden müssen und
  • zeitlich unbegrenzt laufen.
 
Es geht hier al­so um Fil­ter-und Sperr­sys­te­me der be­son­de­ren ("ext­re­men") Art, die der EuGH als eu­ro­pa­rechts­wi­drig ein­stuft, wes­halb mit sei­nem Ur­teil vom 16.02.2012 kei­ne Auf­wei­chung oder gar Ab­kehr von sei­ne­r Recht­spre­chung zu den Gren­zen des Host-Pro­vi­der Haf­tungs­pri­vi­legs (nach Art. 14 der E-Com­mer­ce-Richt­li­nie) zu ver­zeich­nen steht, die er in sei­nen Ur­tei­len vom 19.07.2011 in der Rechts­sa­che C-324/09 L `Oréal ./. Ebay und vom 23.03.2010 in den ver­bun­de­nen Rechtssa­chen C-236/08 bis C-238/08 Goo­gle Fran­ce SARL, Goo­gle Inc. ./. Louis Vuit­ton Mal­le­tier SA u.a.
auf­ge­zeigt hat.

 
Zurück...